Julius Hübner                            1870

1806 – 1882

 

Gedankenwege

 

So wie noch gar nicht denkt ein kleines Kind,

Hat Jugend erst zu denken angefangen,

Und Alter muß im Denken hingelangen

Zu Dingen, die der Jugend ferne sind.

 

Wie wohl nach langer Fahrt mit gutem Wind

Zu fernen Küsten kühne Schiffer drangen,

In’s goldne Land, wovon die Sagen sangen,

Wo lieblich fließt das Leben, leicht und lind.

 

Die davon hören, schelten es wohl Lügen

Und leere Fabeln, eitel, ohne Sinn,

Erdacht nur, um Leichtgläub’ge zu betrügen.

 

So wird die Jugend Altersmeinung schelten,

weil ihr Gedankenweg nicht reicht dahin,

Im Alter wird es ihr als Wahrheit gelten.

 

 

 

Das erfrorene Kind

 

„O laßt die Kindlein alle zu mir kommen!“

Der Pastor hat es heute just erzählt,

Wie sich der Herr die Kinder auserwählt;

Die Confirmanden haben’s gern vernommen.

 

Jetzt auf dem Heimweg sind die kleinen Frommen,

’s ist Winter, ach! und grade grimmig kalt,

Mariechen muß noch durch den finstern Wald

Und Alles ist in Dunkelheit verschwommen.

 

Aus ihrem Dorf ist sie das einz’ge Kind,

Sie geht allein und eisig weht der Wind,

Den Dienst versagen schon die starren Glieder.

 

Sie kann nicht mehr, am Baum dort sitzt sie nieder,

Ein wenig Schlaf, wie dünkt er ihr so süß –

Im Schlaf kommt sie zum Herrn in’s Paradies.

 

 

 

Sachverständig

 

Willst du am frischen Grün die Augen weiden,

Am fetten Klee im strotzend üpp’gen Rasen,

So ist das immer nur ein geistig Grasen –

Den Ochsen, der es frißt, mußt du beneiden.

 

So kann der Sperling einzig unterscheiden

Die feinste Sorte unter Kirschen, Trauben,

Und seiner Schätzung darfst du blindlings glauben,

Er ist der Sachverständ’de von euch Beiden.

 

Des Weibes Reiz kann nur der Mann erfassen,

Und über Manneskraft und Mannesschöne

Mußt du dem Weib das Urtheil überlassen.

 

So werden Maler Farben, Sänger Töne,

Bildhauer Formen prüfen, und der Dichter

Bleibt über Verse stets der feinste Richter.

 

 

 

Prüfung

 

Wenn hell die goldne Sonn’ am Himmel lacht,

Die Erde ringsum duftend blüht und grünt,

Kein Feind sich wider deine Ruh’ erkühnt –

was Wunder, wenn dich das zufrieden macht?

 

Doch wenn es anders kommt, als du gedacht,

Du leiden mußt, ich hoffe unverdient,

Doch öfter wohl um Sünden, ungesühnt,

Und Kelch auf Kelch dir bitter zugebracht,

 

Dann sollst du deinen Frieden dir bewahren,

In Thränen dankbar auf den Himmel seh’n,

Auch für die Prüfung, die dir Gott gegeben.

 

Wie leicht gesagt und, ach! wie schwer erfahren,

Und schwerer noch, die Prüfung zu besteh’n,

Im Gottvertrauen auch in Leiden leben.

 

 

 

Die gute alte Zeit

 

Herr Vetter, ach! die gute alte Zeit!

Wie war es schön vor so viel hundert Jahren,

Als alle Menschen Freund’ und Brüder waren;

Wie weit sind wir davon, ach! wie so weit.

 

Dagegen was erlebt man Alles heut’,

Was haben wir nicht Schlimmstes schon erfahren,

Kaum kann man vor Verderben sich bewahren,

Die Gegenwart, sie ist vermaledeit.

 

Es gab wohl auch manch Schlimmes dazumalen,

Man spricht von Hängen, Köpfen, Scheiterhaufen,

Von Gift und Dolch und Inquisition.

 

Doch das sind nur die etwas herben Schalen,

Der Kern war gut, man hielt noch ’was auf’s Taufen,

Es gab noch Glauben und Religion.

 

 

 

Antiromantiker

 

Wie die Romantik euer Spott getroffen,

Und euer gift’gen Federn Geißelhiebe!

Sie glaubte doch an eine ew’ge Liebe,

Sah hoffnungsvoll den Himmel selig offen.

 

Ihr glaubt nicht, wo bliebe da das Hoffen?

Und hofft ihr nicht, sagt, wo die Liebe bliebe?

Ihr kennt nur noch des Thieres niedre Triebe,

Der Seele Theil ist im Genuß ersoffen.

 

Wie brüllte euch der Pöbel Beifall zu,

Den neuen Priestern und den neuen Göttern;

Der Tempel ist erfüllt mit eitel Spöttern.

 

Nun habt ihr vor dem Ideale Ruh’

Und thront bequem – doch eine Geisterhand

Schreibt euer „Mene Tekel“ an die Wand.

 

 

 

Schulmeister im Vorzimmer

 

Ein schlimmes Ding, die „Antikamera,“

„Sollicitiren,“ ach! ein schwerer Gang;

Beim Warten wird das Herz so klein, so bang,

Wär’ ich nur erst zu Hause wieder da.

 

Wer große Herrn nicht in der Nähe sah,

Der bleib’ davon, ich sag’ es frei und frank;

Ausnahmen gibt’s wohl auch noch, Gott sei Dank!

Exeptis affirmatur regula!

 

Vorzimmer, Paradies der Herren Schranzen,

Die fein nach Seiner Durchlaucht Pfeife tanzen;

Ein armer Schelm, doch möcht’ ich sie nicht neiden,

 

Nur leider kann man’s manchmal nicht vermeiden.

Dies Stücklein Vers, wenn auch nicht dort gemacht,

In „Antikamera“ ist’s doch erdacht.

 

 

 

Humor

 

Hinweg du streitende Gedankenwelt,

Hör’ auf, mein armes Hirn mir zu ermüden,

Gieb Raum dem sanften, heilig milden Frieden,

Der still den Oelzweig der Versöhnung hält.

 

Wer hat mich blöden erdenwurm bestellt

Zum Richter über das Gewirr hienieden,

Das Räthsel, das uns Sterblichen beschieden,

Was uns’res Lebens Freuden uns vergällt?

 

Was geht’s mich an, was braucht’s mich zu verdrießen,

Daß alles Große, alles Edle sinkt

Und die Gemeinheit einzig triumphirt?

 

Die Gegenwart, ich will sie froh genießen,

Die Stunde, die noch mein, sie ist beschwingt,

Ein Narr, wer jemals den Humor verliert.

 

 

 

Manfred

 

Nach Byron

 

Dies arme Leben, blasser Schein des Lichts,

Dies zwischen Erd’ und Himmel schwanken, Schweben,

Ich bin es satt.  Kann ich mich nicht erheben,

So will ich lieber sinken in das Nichts.

 

Um Nichts zu halten, Alles ja verspricht’s,

Lügt Himmels Brot, um Steine uns zu geben,

Mit Tod und Sünde lohnt es Aufwärtsstreben,

Und schreckt uns mit dem Donner des Gerichts.

 

Fort, bleiche Furcht! Springt auf, ihr dunklen Pforten,

Vor denen nur des Feigen Blut erstarrt;

Das Dasein ist noch schlimmer als der Tod.

 

Den Riegel heb’ ich selbst zu jenen Orten,

Wo endlich die Gewißheit uns’rer harrt,

Ob Nacht auf Abend, oder Morgenroth?

 

 

 

Zukunft

 

Was blickst du in die Zukunft denn so bange?

Du weißt es ja, in jedem Abendrothe

Schwebt schon des nächsten Morgens Bote,

Der Aufgang ruht in jedem Niedergange.

 

Ach, die Erfüllung dauert dir zu lange!

Das Erdenleben schließt ein Machtgebot,

Und käm’ nach hundert Jahren erst der Tod,

Der Abschnitt ist zu kurz im Zeitendrange.

 

Vom Morgen währt es bis zum Abendschein,

Dein Eintagsleben, und dann kommt die Nacht,

Der nächste Morgen trifft dich nicht mehr hier.

 

Du wolltest schauen!  Doch des Zweifels Pein

Weicht einzig und allein des Glaubens Macht –

So schau in dich, die Zukunft ruht in dir!

 

 

 

Später Lenz

 

Nun kommst du doch!  Wie hab’ ich dein geharrt!

So lange wußt’ ich nicht, ob ich noch lebe;

Ach, wie vor Lenzeswonne weint die Rebe,

Schmilzt auch mein Herz, so lang’ zu Eis erstarrt.

 

So selig fühl’ ich deine Gegenwart,

Daß ich vom Todtenschlafe mich erhebe,

Und auferstanden, wie ein Geist entschwebe

Der Wintergruft, darin ich lag verscharrt.

 

Bist du der Engel zu des Grabes Füßen,

Verkündend ew’gen Lebens heil’ge Lust?

Ist das der Himmel, ist das noch die Erde?

 

Mit tiefstem Athemzuge dich zu grüßen,

Erhebt sich selig, hoffnungsvoll die Brust,

Und all mein Sein durchströmt ein neues „Werde!“

 

 

 

Lebensjahreszeiten

 

Der Trieb, den Gott in’s Herz mir wollte legen,

Ich ließ ihn freudig blüh’n und Früchte tragen,

Wie Alles blüht!  Und nimmer konnt’ ich fragen:

„Was mich bewegt, wird’s And’re auch bewegen?“

 

Von überschwenglich hohem Gottessegen

Ein Zeugniß nur will alles Leben sagen,

In Kinderunschuld, ohne Furcht und Zagen,

Soll jede Kraft die Flügel freudig regen.

 

So lebt ein Blüthenlenz im vollen Herzen,

Der Sommer treibt die segenschweren Aehren

Und Früchte beut der Herbst mit vollen Händen,

 

Dann naht des Winters Ruh’ nach Lust und Schmerzen,

Der Weihnachtsstern erglänzt aus lichten Sphären,

Ein ewig Licht, wenn Erdensonnen enden.

 

 

Reich und Arm

 

Sie bieten Gold dir, Perlen und Juwelen

Und reichen Schmuck für deiner Schönheit Zier.

Statt Gold mein Blut, statt Stein mein Leben dir

Biet’ ich, statt Perlen Thränen, nicht zu zählen.

 

Statt Haus und Hof, darinnen zu befehlen,

Nimm du mein Dichterherz dir für und für;

Den Schlüssel hast du zur geheimsten Thür

Von solchem Zauberschloß – kannst du noch wählen?

 

Statt kaltem Glanz die Gluth der Jugendtriebe,

Statt des Vergänglichen, was dauernd bliebe,

Statt kurzem Reiz die Ewigkeit der Liebe.

 

Mich selbst, die ganze Welt, die lebenswarme,

Dir geb’ ich sie, schließ’ ich dich in die Arme! –

Wer ist der Reiche, sprich, wer ist der Arme?

 

 

 

Verloren

 

Ein Sternenband trugst du im krausen Haar

Und d’runter blitzten deine Augensterne,

Wie fühl’, ich noch ihr Leuchten aus der Ferne,

Der Schönheit Stern du selber, ganz und gar.

 

Ach, nun so manches lange, bange Jahr

Bist du, mein Stern, im Abend untergangen;

Wie manche Thräne fiel von meinen Wangen,

Und nie vergess’ ich doch, was einmal war.

 

Nur immer wieder muß ich dein gedenken,

Weh’, daß ich dich verloren geben muß;

Es kann nicht sein, es kann und darf nicht sein!

 

Dein ewig Theil, du konntest ’s nicht verschenken,

Des Ew’gen ist, was dein durch seinen Schluß,

Und im Gebet der Liebe bleibst du mein.

 

 

 

Arme Rose

 

Die schönste Rose sah ich an den Zweigen,

Aus Purpurgluth und zart Milchweiß gewoben,

Wie Unschuld noch von holder Scham gehoben,

So süß entzückt mußt’ ich mich zu ihr neigen.

 

Sie öffnet ihren Kelch in tiefem Schweigen –

Da ringelt sich zum gift’gen Knäu’l verschroben,

Ein Wurm hervor, und in des Ekels Toben

Reiß’ ich die Rose von den schwanken Zweigen.

 

Ach, arme Rose, was kannst du dafür,

Daß sich der Wurm in deinen Kelch begraben?

Ihn sollt’ ich schleudern fort, nur ihn zertreten.

 

Das größte Leid, ich that es doch nur mir,

Nie werd’ ich mehr an deinem Duft mich laben –

Ach, arme Rose, laß mich für dich beten!