1806 – 1882
So wie noch gar nicht denkt ein
kleines Kind,
Hat Jugend erst zu denken
angefangen,
Und Alter muß im Denken
hingelangen
Zu Dingen, die der Jugend ferne
sind.
Wie wohl nach langer Fahrt mit
gutem Wind
Zu fernen Küsten kühne Schiffer
drangen,
In’s goldne Land, wovon die
Sagen sangen,
Wo lieblich fließt das Leben,
leicht und lind.
Die davon hören, schelten es
wohl Lügen
Und leere Fabeln, eitel, ohne
Sinn,
Erdacht nur, um Leichtgläub’ge
zu betrügen.
So wird die Jugend
Altersmeinung schelten,
weil ihr Gedankenweg nicht
reicht dahin,
Im Alter wird es ihr als
Wahrheit gelten.
„O laßt die Kindlein alle zu
mir kommen!“
Der Pastor hat es heute just
erzählt,
Wie sich der Herr die Kinder auserwählt;
Die Confirmanden haben’s gern
vernommen.
Jetzt auf dem Heimweg sind die
kleinen Frommen,
’s ist Winter, ach! und grade
grimmig kalt,
Mariechen muß noch durch den
finstern Wald
Und Alles ist in Dunkelheit
verschwommen.
Aus ihrem Dorf ist sie das
einz’ge Kind,
Sie geht allein und eisig weht
der Wind,
Den Dienst versagen schon die
starren Glieder.
Sie kann nicht mehr, am Baum
dort sitzt sie nieder,
Ein wenig Schlaf, wie dünkt er
ihr so süß –
Im Schlaf kommt sie zum Herrn
in’s Paradies.
Willst du am frischen Grün die
Augen weiden,
Am fetten Klee im strotzend
üpp’gen Rasen,
So ist das immer nur ein
geistig Grasen –
Den Ochsen, der es frißt, mußt
du beneiden.
So kann der Sperling einzig
unterscheiden
Die feinste Sorte unter Kirschen,
Trauben,
Und seiner Schätzung darfst du
blindlings glauben,
Er ist der Sachverständ’de von
euch Beiden.
Des Weibes Reiz kann nur der
Mann erfassen,
Und über Manneskraft und
Mannesschöne
Mußt du dem Weib das Urtheil
überlassen.
So werden Maler Farben, Sänger
Töne,
Bildhauer Formen prüfen, und
der Dichter
Bleibt über Verse stets der
feinste Richter.
Wenn hell die goldne Sonn’ am
Himmel lacht,
Die Erde ringsum duftend blüht
und grünt,
Kein Feind sich wider deine
Ruh’ erkühnt –
was Wunder, wenn dich das
zufrieden macht?
Doch wenn es anders kommt, als
du gedacht,
Du leiden mußt, ich hoffe
unverdient,
Doch öfter wohl um Sünden,
ungesühnt,
Und Kelch auf Kelch dir bitter
zugebracht,
Dann sollst du deinen Frieden
dir bewahren,
In Thränen dankbar auf den
Himmel seh’n,
Auch für die Prüfung, die dir
Gott gegeben.
Wie leicht gesagt und, ach! wie
schwer erfahren,
Und schwerer noch, die Prüfung
zu besteh’n,
Im Gottvertrauen auch in Leiden
leben.
Herr Vetter, ach! die gute alte
Zeit!
Wie war es schön vor so viel
hundert Jahren,
Als alle Menschen Freund’ und
Brüder waren;
Wie weit sind wir davon, ach!
wie so weit.
Dagegen was erlebt man Alles
heut’,
Was haben wir nicht Schlimmstes
schon erfahren,
Kaum kann man vor Verderben
sich bewahren,
Die Gegenwart, sie ist
vermaledeit.
Es gab wohl auch manch
Schlimmes dazumalen,
Man spricht von Hängen, Köpfen,
Scheiterhaufen,
Von Gift und Dolch und
Inquisition.
Doch das sind nur die etwas
herben Schalen,
Der Kern war gut, man hielt
noch ’was auf’s Taufen,
Es gab noch Glauben und
Religion.
Wie die Romantik euer Spott
getroffen,
Und euer gift’gen Federn
Geißelhiebe!
Sie glaubte doch an eine ew’ge
Liebe,
Sah hoffnungsvoll den Himmel
selig offen.
Ihr glaubt nicht, wo bliebe da
das Hoffen?
Und hofft ihr nicht, sagt, wo
die Liebe bliebe?
Ihr kennt nur noch des Thieres
niedre Triebe,
Der Seele Theil ist im Genuß
ersoffen.
Wie brüllte euch der Pöbel
Beifall zu,
Den neuen Priestern und den
neuen Göttern;
Der Tempel ist erfüllt mit
eitel Spöttern.
Nun habt ihr vor dem Ideale
Ruh’
Und thront bequem – doch eine
Geisterhand
Schreibt euer „Mene Tekel“ an
die Wand.
Ein schlimmes Ding, die
„Antikamera,“
„Sollicitiren,“ ach! ein
schwerer Gang;
Beim Warten wird das Herz so
klein, so bang,
Wär’ ich nur erst zu Hause
wieder da.
Wer große Herrn nicht in der
Nähe sah,
Der bleib’ davon, ich sag’ es
frei und frank;
Ausnahmen gibt’s wohl auch
noch, Gott sei Dank!
Exeptis affirmatur regula!
Vorzimmer, Paradies der Herren
Schranzen,
Die fein nach Seiner
Durchlaucht Pfeife tanzen;
Ein armer Schelm, doch möcht’
ich sie nicht neiden,
Nur leider kann man’s manchmal
nicht vermeiden.
Dies Stücklein Vers, wenn auch
nicht dort gemacht,
In „Antikamera“ ist’s doch
erdacht.
Hinweg du streitende
Gedankenwelt,
Hör’ auf, mein armes Hirn mir
zu ermüden,
Gieb Raum dem sanften, heilig
milden Frieden,
Der still den Oelzweig der
Versöhnung hält.
Wer hat mich blöden erdenwurm
bestellt
Zum Richter über das Gewirr
hienieden,
Das Räthsel, das uns
Sterblichen beschieden,
Was uns’res Lebens Freuden uns
vergällt?
Was geht’s mich an, was
braucht’s mich zu verdrießen,
Daß alles Große, alles Edle
sinkt
Und die Gemeinheit einzig triumphirt?
Die Gegenwart, ich will sie
froh genießen,
Die Stunde, die noch mein, sie
ist beschwingt,
Ein Narr, wer jemals den Humor
verliert.
Nach Byron
Dies arme Leben, blasser Schein
des Lichts,
Dies zwischen Erd’ und Himmel
schwanken, Schweben,
Ich bin es satt. Kann ich mich nicht erheben,
So will ich lieber sinken in
das Nichts.
Um Nichts zu halten, Alles ja
verspricht’s,
Lügt Himmels Brot, um Steine
uns zu geben,
Mit Tod und Sünde lohnt es
Aufwärtsstreben,
Und schreckt uns mit dem Donner
des Gerichts.
Fort, bleiche Furcht! Springt
auf, ihr dunklen Pforten,
Vor denen nur des Feigen Blut
erstarrt;
Das Dasein ist noch schlimmer
als der Tod.
Den Riegel heb’ ich selbst zu
jenen Orten,
Wo endlich die Gewißheit
uns’rer harrt,
Ob Nacht auf Abend, oder
Morgenroth?
Was blickst du in die Zukunft
denn so bange?
Du weißt es ja, in jedem
Abendrothe
Schwebt schon des nächsten
Morgens Bote,
Der Aufgang ruht in jedem
Niedergange.
Ach, die Erfüllung dauert dir
zu lange!
Das Erdenleben schließt ein
Machtgebot,
Und käm’ nach hundert Jahren
erst der Tod,
Der Abschnitt ist zu kurz im
Zeitendrange.
Vom Morgen währt es bis zum
Abendschein,
Dein Eintagsleben, und dann
kommt die Nacht,
Der nächste Morgen trifft dich
nicht mehr hier.
Du wolltest schauen! Doch des Zweifels Pein
Weicht einzig und allein des
Glaubens Macht –
So schau in dich, die Zukunft
ruht in dir!
Später Lenz
Nun kommst du doch! Wie hab’ ich dein geharrt!
So lange wußt’ ich nicht, ob
ich noch lebe;
Ach, wie vor Lenzeswonne weint
die Rebe,
Schmilzt auch mein Herz, so
lang’ zu Eis erstarrt.
So selig fühl’ ich deine
Gegenwart,
Daß ich vom Todtenschlafe mich
erhebe,
Und auferstanden, wie ein Geist
entschwebe
Der Wintergruft, darin ich lag
verscharrt.
Bist du der Engel zu des Grabes
Füßen,
Verkündend ew’gen Lebens
heil’ge Lust?
Ist das der Himmel, ist das
noch die Erde?
Mit tiefstem Athemzuge dich zu
grüßen,
Erhebt sich selig,
hoffnungsvoll die Brust,
Und all mein Sein durchströmt
ein neues „Werde!“
Der Trieb, den Gott in’s Herz
mir wollte legen,
Ich ließ ihn freudig blüh’n und
Früchte tragen,
Wie Alles blüht! Und nimmer konnt’ ich fragen:
„Was mich bewegt, wird’s And’re
auch bewegen?“
Von überschwenglich hohem
Gottessegen
Ein Zeugniß nur will alles
Leben sagen,
In Kinderunschuld, ohne Furcht
und Zagen,
Soll jede Kraft die Flügel
freudig regen.
So lebt ein Blüthenlenz im
vollen Herzen,
Der Sommer treibt die
segenschweren Aehren
Und Früchte beut der Herbst mit
vollen Händen,
Dann naht des Winters Ruh’ nach
Lust und Schmerzen,
Der Weihnachtsstern erglänzt
aus lichten Sphären,
Ein ewig Licht, wenn
Erdensonnen enden.
Reich und Arm
Sie bieten Gold dir, Perlen und
Juwelen
Und reichen Schmuck für deiner
Schönheit Zier.
Statt Gold mein Blut, statt
Stein mein Leben dir
Biet’ ich, statt Perlen
Thränen, nicht zu zählen.
Statt Haus und Hof, darinnen zu
befehlen,
Nimm du mein Dichterherz dir
für und für;
Den Schlüssel hast du zur
geheimsten Thür
Von solchem Zauberschloß –
kannst du noch wählen?
Statt kaltem Glanz die Gluth
der Jugendtriebe,
Statt des Vergänglichen, was
dauernd bliebe,
Statt kurzem Reiz die Ewigkeit
der Liebe.
Mich selbst, die ganze Welt,
die lebenswarme,
Dir geb’ ich sie, schließ’ ich
dich in die Arme! –
Wer ist der Reiche, sprich, wer
ist der Arme?
Ein Sternenband trugst du im
krausen Haar
Und d’runter blitzten deine
Augensterne,
Wie fühl’, ich noch ihr
Leuchten aus der Ferne,
Der Schönheit Stern du selber,
ganz und gar.
Ach, nun so manches lange,
bange Jahr
Bist du, mein Stern, im Abend
untergangen;
Wie manche Thräne fiel von
meinen Wangen,
Und nie vergess’ ich doch, was
einmal war.
Nur immer wieder muß ich dein
gedenken,
Weh’, daß ich dich verloren
geben muß;
Es kann nicht sein, es kann und
darf nicht sein!
Dein ewig Theil, du konntest ’s
nicht verschenken,
Des Ew’gen ist, was dein durch
seinen Schluß,
Und im Gebet der Liebe bleibst
du mein.
Die schönste Rose sah ich an
den Zweigen,
Aus Purpurgluth und zart
Milchweiß gewoben,
Wie Unschuld noch von holder
Scham gehoben,
So süß entzückt mußt’ ich mich
zu ihr neigen.
Sie öffnet ihren Kelch in
tiefem Schweigen –
Da ringelt sich zum gift’gen
Knäu’l verschroben,
Ein Wurm hervor, und in des
Ekels Toben
Reiß’ ich die Rose von den
schwanken Zweigen.
Ach, arme Rose, was kannst du
dafür,
Daß sich der Wurm in deinen
Kelch begraben?
Ihn sollt’ ich schleudern fort,
nur ihn zertreten.
Das größte Leid, ich that es
doch nur mir,
Nie werd’ ich mehr an deinem
Duft mich laben –
Ach, arme Rose, laß mich für
dich beten!